Ist die Fixierung auf “positive Gedanken” für unser psychisches Wohlbefinden wirklich gut? Psychologen sagen Nein

Entlarven von Scharlatanerie

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Zuerst möchte ich klar machen, dass ich weder Neurowissenschafter noch Psychologe bin. Allerdings kann ich mich als Sozialwissenschaftler nennen, der anderen Wissenschaften, vor allem Naturwissenschaften, leidenschaftlich folgt. Ich versuche, ihre gegenseitigen Zusammenhänge zu identifizieren und dadurch über einige Themen tiefer nachzudenken, die nicht im Sprengel der Sozialwissenschaften explizit stehen, doch von einem sozial-psychologischen Gewebe einer Gesellschaft untrennbar sind. Aus reiner sozialwissenschaftlicher Sicht ist fast jeder Mensch in der Lage diverse Gesellschaftsphänomene zu erkennen, doch für ihre richtige Erklärung und Auslegung brauchen wir mehr als eine übliche Lebenserfahrung. Nicht selten müssen wir naturwissenschaftliche Kenntnisse und Methoden anwenden, um ein Phänomen richtig verstehen zu können. Das sind die Phänomene, die oft auf ein tieferes psychologisches Problem nicht sofort hinweisen, wie z.B. welchen Charakter, welche Effekte hat die übertriebene Verwendung neuer Smartphone-Technologie? Dass so eine menschliche Aktivität neue soziale Strukturen, Wertvorstellungen und Realität bauen oder ändern kann, ist jedem vollkommen klar, aber dass sie eine schwere psychische Störung oder ein Vorurteil verursachen kann, ist nicht immer nachvollziehbar oder zu erwarten.

Jenes Phänomen, das mein Interesse diesmal an sich zog, ist die moderne Besessenheit von der Lehre der “positiven Gedanken/Denken”. Zur Abgrenzung: Die Theorie der positiven Psychologie ist nicht etwas sinnloses, neues oder blind erfundenes. Eigentlich gibt es in der Psychologie eine gleichnamige Theorie und soweit ich es verstanden habe, gehört sie zu einem wissenschaftlichen Theoriessystem, das andere Theorien in sich inkludiert und sie behandelt. In meinem Text geht es deshalb nicht darum, diese Theorie in ihrer Tiefe zu kritisieren (dafür bin ich sowieso nicht fähig), sondern auf ihre Ausbeutung seitens vieler Scharlatane aufmerksam zu machen.

Also, überall sprießen selbsternannte “Gurus für positives Denken” (einfach Gurus) wie Pilze aus dem Boden (bspw. Tolle, Chopra, etc) . Jeder, der sich dieser Aufgabe als Guru, egal zu welchem Grad, widmet, verspricht und versichert sein Klientel ein besseres und glücklicheres Leben. In einem breiteren Bedeutung gehört dieser Trend zu sog. New age Movement. Laut dieser Gurus ist es sehr wichtig, dass man sich auf positive Gedanken konzentriert und sie als Maßstab für Verwirklichung aller Lebenswünsche annimmt. Viele von diesen Gurus sind die Menschen, die keine geschulte Psychologen sind. Weder kennen sie die Ansätze der Psychologie, noch sind sie dafür geschult. Oft verwenden sie einzelne Zitate von diversen Schriftstellern, selbsternannten Lebensphilosophen, etc., um Glaubwürdigkeit eigener Aussagen und Behauptungen zu unterstreichen. Immerhin glauben sie (Gurus), dass sie vielen Menschen ehrlich helfen können. Eigentlich ist oft das Gegenteil. Das schlimmste daran, ist die Tatsache, dass sich einige Psychologen (oft wegen finanzielles Erfolges) diesem Trend angeschlossen haben. In meinen Augen ist es nicht nachvollziehbar, dass wir einen sehr wichtigen Teil unserer Psyche auf einmal unterdrücken oder als abwertend etikettieren wollen, nämlich “negative Gedanken”, trotz der Tatsache, dass uns dieser “negativer psychischer Teil”, evolutionstechnisch betrachtet, viele Vorteile sichert/e.

Glücklicherweise gibt es immer noch genug Wissenschafter, die diese neue Besessenheit rational in Frage stellen. Einer von ihnen ist der Psychologe der positiven Psychologie Dr. Nash Popovic (Positive Psychologist critiques Positive Psychology), der über die Grenzen dieser Lehre klare Worte bietet. Im Artikel Negative Emotions Are Key to Well-Being des Scientific American Magazine wurde auf Basis wissenschaftlicher Forschung erläutert, dass, für ein stabiles Wohlbefinden, negative Gedanken und Gefühle eine sehr wichtige Rolle in unserem Leben spielen:

In fact, anger and sadness are an important part of life, and new research shows that experiencing and accepting such emotions are vital to our mental health. Attempting to suppress thoughts can backfire and even diminish our sense of contentment.

Welche Vorteile können wir aus der negativen Gedanken haben und warum wir uns unter Druck setzen, immer und in jedem Zustand positiv zu denken, erklärt Eric Haseltine Ph.D in seinem Artikel Why negative thinking is good for you. Adam Grant Ph.D betont in seinem Artikel The Positive Power of Negative Thinking, dass rein positives Denken nicht für alle geeignet ist und dass es bei manchen Menschen zur Selbst-Sabotage des Erfolges führt:

“Before long, I began to realize that they were doing so well because of their pessimism… negative thinking transformed anxiety into action.” By imagining the worst-case scenario, defensive pessimists motivate themselves to prepare more and try harder.

Auf einer ganz anderen Seite lässt sich noch etwas interessantes bemerken, nämlich, die Tendenz negative wissenschaftliche Forschungsergebnisse als “negatives Denken” anzusehen. Die Idee vom positiven Denken/Gedanken dringt in Selbstbeurteilung des wissenschaftlichen Erfolges tief hinein, indem erwartete Ergebnisse veröffentlicht und Misserfolge abgewertet werden. Darüber hat Jennifer Couzin-Frankel in ihrem Artikel The power of negative thinking geschrieben:

What makes it so difficult to portray negative results straight up? Along with the drive to prove one’s theories right, “there is a wide perception that negative studies are useless, indeed a failure,” says Douglas Altman, a statistician at the University of Oxford in the United Kingdom.

Grundsätzlich ist es wichtig zu verstehen, dass diese neue Tendenz, die unsere psychologisch-emotionale Seiten von einander trennt und danach bestimmte Gedanken oder Gefühle als “bessere” bezeichnet, langfristig zu einem sicheren negativen Ergebnis für unsere Psyche führt. Die neue Forschungsdaten untermauern diese Stellungnahme. Hoffentlich wird dieser Vermarktung-Hype der “positiven Gedanken” als “Quasi-Heilungsmaßnahme für Unglücklichen” langsam entmystifiziert und zu einer gesünderen Analyse menschlicher Psyche führen.

Menschen, die negative Gedanken als psychische Motivation verwenden, sind nicht negativ per se. Das ist oft eine absolut falsche Behauptung, sondern sie akzeptieren Realität so wie sie ist und versuchen dementsprechend richtige Lebenslösungen oder passende psychische Reaktionen zu finden. Wichtig ist, dass niemand unter Druck steht, positive oder negative Motivation als einzig richtige sehen zu müssen, was heutzutage anscheinend ein Trend ist.

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