“Die Welt” über Hamed Abdel-Samad

Einige Auszüge aus der Zeitung:

„Islamkritiker Hamed Abdel-Samad lebt unter Polizeischutz, kommt sich oft wie ein Unerwünschter vor. Dennoch liebe er Deutschland, sagt er. Sorgen macht ihm vor allem eine falsche Toleranz, die Extremisten jeder Richtung helfe. Kann das Land wieder „Oase der Freiheit“ sein? (…)

Gerade kam er aus dem Libanon, das er als Experiment wie einst die säkulare Türkei vor dem heute amtierenden Präsidenten Recep Tayyip Erdogan begriff. Was ist davon geblieben? Die Islamisierung ist in diesen Ländern in vollem Gange.

„Komischerweise kann ich mich in Dubai, Beirut, Marrakesch oder Tunis ohne Polizeischutz bewegen. Dort umarmen mich junge Menschen auf der Straße und bedanken sich für meine Videos auf YouTube, die sie ‚Aufklärung‘ nennen. Doch in Deutschland gelte ich als Islamhasser. Da stimmt doch was nicht.“

Seit 25 Jahren ist der 48-Jährige in Deutschland; Abdel-Samad kam aus Ägypten, einem Land, in dem er dem Vater, dem Lehrer und auch dem Professor keine Fragen stellen durfte. Sein Leben liest sich wie ein Entwicklungsroman. Prägend sicherlich die Erfahrung, als Muslimbruder hier gestrandet und zum Atheisten geworden zu sein, ein radikaler Bruch, der sicherlich stark macht, aber auch eine gewisse Härte und Struktur bedingt.



Er studierte Politikwissenschaft in Bayern, bekam einen Ehrenpreis der Universität, galt als „Mustermigrant“. Er sei gerne Deutscher geworden.

Viele Neuerscheinungen heißen dieser Tage „Die Wahrheit über…“ oder „Vom Ende der….“ Sein neues Buch hingegen hat den Titel: „Aus Liebe zu … Deutschland – ein Warnruf“. Dass jemand Deutschland liebt, hört man nun wirklich nicht oft. Liebe ist ein großes Gefühl. Abdel-Samad geht sogar weiter und sagt: „Ich bin Deutschland.“

Durch die Auseinandersetzung mit dessen Geschichte, den Brüchen und Narben habe er sich selbst besser verstehen können. Es ist, als habe er sich an diesem Land aufgerichtet. Aber warum muss er dann warnen? „Deutschland ist sicherlich in den letzten Jahrzehnten offener und bunter geworden, aber auch polarisierter und unsicherer. Das Land ist dabei, das zu verspielen, was es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erreicht hat.
(…)

(Die) Islamkritik, so seine Erfahrung, ist unerwünscht in Deutschland. Das gelte für die Öffentlich-Rechtlichen, aber auch für die Bundeszentrale für politische Bildung und für politische Stiftungen. Dort träten durchaus auch Islamisten und Erdogan-Anhänger auf – aus falsch verstandener Toleranz.

Das sei Deutschlands größtes Problem: zu unentschieden gegenüber den Feinden von links und rechts wie auch dem radikalen Islam zu sein. Und alles nur wegen der ständigen Sorge, zu intolerant und autoritär zu wirken.

„Ich will, dass Deutschland wieder eine Oase der Freiheit wird, in der eine gesunde Streitkultur herrscht.“ Gesund ist für ihn anfänglich gewesen, auch auf Veranstaltungen der AfD aufzutreten, statt sie zu ächten, Thilo Sarrazins Thesen zu kritisieren, aber seine Redefreiheit zu verteidigen. Gesunde Streitkultur ist für ihn, vieles zu ertragen und auszuhalten, was der eigenen Meinung widerspricht, und das Gleiche von allen anderen zu erwarten. Doch erlebe er eine ungeheure „Gesprächsunfähigkeit“.

Freiheit sei immer die Summe freier Menschen. Natürlich könne man alles sagen – fragt sich nur wie und wo? Eine Meinung werde leider häufig bewertet danach, wem sie nutze oder schade, und nicht danach, wie kohärent oder plausibel sie sei. „Die Mitte hat Angst vorm Absturz, die Rechten vor den Migranten und die Linken vor den Rechten.

Manchmal frage er sich, ob die Menschen hier nur noch hinter vorgehaltener Hand redeten. Übertreibt er nicht?

Es sei an dieser Stelle daran erinnert, dass es Abdel-Samad war, der bei einem Empfang des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier in Bellevue als einziger aufstand und diesen dafür kritisierte, den iranischen Mullahs 2019 zum 40. Jahrestag ihrer Machtergreifung gratuliert zu haben. Später hätten sich viele schulterklopfend am Buffet bei ihm gezeigt, erzählt er, sie dächten wie er, aber… Und drehten sich um, ob ja niemand sie dabei beobachten würde.”